Studie zeigt: Online-Glücksspiele sind besonders riskant
Zum Inhalt springen:
- Wie verändern sich unsere Online-Gewohnheiten?
- Welche besonderen Risiken bergen Online-Glücksspiele?
- Was sagt die Forschung zu den Risiken von Online-Glücksspielen?
- Warum ist eine strenge Regulierung von Online-Glücksspielen notwendig?
Die Zukunft ist digital und vernetzt: ein Satz, an den wir uns in den vergangenen Jahren gewöhnt haben, der jedoch für viele Menschen erst jetzt – in der aktuellen Corona-Krise – so richtig spürbar wird. Viele Internetdienste entpuppen sich momentan geradezu als Segen. Menschen, die sich physisch nicht treffen können oder dürfen, begegnen einander im Netz, sei es privat oder auch, um zusammenarbeiten zu können. Und wenn jetzt sogar das Fitnesscenter ins heimische Wohnzimmer streamt, dürfte das ein Vorgeschmack darauf sein, welche Veränderungen uns in den nächsten Jahren (im wahrsten Sinne) „ins Haus stehen“ könnten.
Wie verändern sich unsere Online-Gewohnheiten?
Zu Hause bleiben und trotzdem der Welt begegnen, so lautet das Versprechen des Internets und diese Entwicklung nimmt gerade so richtig Fahrt auf. Bestimmt werden wir nicht alle neuen Online-Gewohnheiten beibehalten, wenn sich die Verhältnisse wieder dem „Vor-Corona-Zustand“ annähern – eine ganze Reihe davon jedoch sicherlich schon. Und möglicherweise werden viele derjenigen, die in Folge der Schließung aller Spielhallen und Casinos auf Online-Casinos und virtuelle Automatenspiele ausgewichen sind, auch weiterhin im Netz spielen.
Welche besonderen Risiken bergen Online-Glücksspiele?
- Hohe zeitliche und räumliche „Verfügbarkeit“, vergleichbar mit der Griffnähe zum Alkohol.
- Oft wird alleine gespielt, ohne Unterbrechung oder Ansprache.
- Mehrere Online-Spiele gleichzeitig bzw. parallel spielbar, was den Überblick und damit die Kontrolle besonders erschwert.
- Gefahr des Betrugs.
Was sagt die Forschung zu den Risiken von Online-Glücksspielen?
Suchtexpert*innen stufen Onlineglücksspiele als besonders riskant ein. Inwieweit wird diese Einschätzung auch durch wissenschaftliche Studien gestützt? Dieser Frage gingen die Forscher*innen aus Bremen und Hamburg nach. Sie sichteten dafür eine Vielzahl von Studien und wählten die aussagekräftigsten darunter aus. Auf Basis ihrer Analyse formulierten die drei Wissenschaftler*innen Handlungsempfehlungen für die Politik.
Eine große Mehrheit der ausgewerteten Studien bestätigen die beschriebene Einschätzung von Online-Glücksspielen als besonders riskant. Die Autor*innen sprechen von einem erhöhten Gefährdungspotential von Glücksspielen im Netz und berufen sich dabei sowohl auf Studien mit Jugendlichen als auch mit Erwachsenen. Bei Spielen mit hoher Ereignisfrequenz (wie beispielsweise bei virtuellen Automatenspielen) ist das Risiko offenbar besonders hoch.
Warum ist eine strenge Regulierung von Online-Glücksspielen notwendig?
Aufgrund des erhöhten Gefährdungspotentials von Online-Glücksspielen empfehlen die Autor*innen eine starke Regulierung von Glücksspielen, die im Netz stattfinden. In ihrem Artikel ist die Rede von einer „grundsätzlich hohen Eingriffsintensität des Staates“, die durch die wissenschaftliche Befundlage gerechtfertigt sei, bis hin zu Verboten von einigen Varianten des Online-Glücksspiels.
Außerdem wird empfohlen, Online-Glücksspiele schrittweise zuzulassen, beginnend mit den weniger riskanten Varianten. Diese Öffnung des Marktes solle dann nach ihrer Auffassung wissenschaftlich begleitet werden. Sollten sich dabei erhöhte „onlinespezifischen Risiken“ zeigen, sollte erwogen werden, riskantere Online-Glücksspielvarianten zu verbieten. Zudem sollten technische Möglichkeiten des Spielerschutzes – hinsichtlich der Früherkennung und Frühintervention bei riskantem Spielverhalten – genutzt und gesperrte Spieler*innen in ein zentrales, spielübergreifendes Sperr-Register aufgenommen werden. Insgesamt werden in dem Fachartikel neun Handlungsempfehlungen aufgelistet.
Im neuen Glücksspielstaatsvertrag, genauer gesagt im „Staatsvertrag zur Neuregulierung des Glückspielwesens in Deutschland“ (so soll er heißen, der neue Vertrag, wir berichteten darüber), der zum 1. Juli 2020 in Kraft treten soll, werden diese Handlungsempfehlungen zumindest teilweise berücksichtigt. So soll ein zentrales spielformübergreifendes Sperrsystem eingerichtet werden, außerdem ist eine starke Regulierung von Online-Glücksspielen vorgesehen. Diese werden jedoch nicht, wie in dem Fachartikel gefordert, schrittweise und beginnend mit mutmaßlich weniger riskanten Varianten, legalisiert, sondern quasi „auf einen Schlag“.
Es bleibt abzuwarten, welche Folgen die geplante Legalisierung und Regulierung von Online-Glücksspielen auf das Spielverhalten der Nutzer*innen haben wird. Interessant dürfte auch sein, wie sich die durch das Coronavirus bedingte Zwangspause auswirken wird. Wir bleiben dran an dem Thema.
Quelle: Hayer, Tobias, Girndt, Lydia & Kalke, Jens (2019). Das Gefährdungspotenzial von Online-Glücksspielen: Eine systematische Literaturanalyse. Bremen: Universität Bremen.
Wichtige Erkenntnisse:
- Online-Glücksspiele bergen aufgrund ihrer hohen Verfügbarkeit und der Möglichkeit des unbeobachteten Spiels besondere Risiken.
- Wissenschaftliche Studien bestätigen das erhöhte Gefährdungspotenzial, insbesondere bei Spielen mit hoher Ereignisfrequenz.
- Experten fordern eine strenge staatliche Regulierung, schrittweise Zulassung und den Einsatz technischer Spielerschutzmaßnahmen.
- Der neue Glücksspielstaatsvertrag berücksichtigt einige Empfehlungen, legalisiert Online-Glücksspiele jedoch "auf einen Schlag".